Wenn ein Neueinwanderer aus irgendwelchen technischen ründen kein Arzt werden kann, dann empfiehlt sich als zweitbeste Lösung die Laufbahn eines Beamten im Staatsdienst. Das Gehalt eines israelischen Staatsbeamten ist nicht sehr hoch, aber seine Tätigkeit ermöglicht ihm häufige Teepausen mit anregenden Gesprächen, weshalb man ihn vielfach als Intellektuellen betrachtet.

Die auffälligste Eigenheit des israelischen Staatsbeamten besteht darin, dass er nicht vorhanden ist. Das heißt: er ist vorhanden, aber nicht dort, wo er sein sollte. Also nicht in seinem Büro. Meistens befinden sich die israelischen Beamten in einer Besprechung. Es gibt mehrere tausend Vorwände für die Abhaltung von Besprechungen. Manche Besprechungen ziehen sich zwei bis drei Tage hin, andere dauern nur fünf bis sechs Stunden. So lange muß man eben warten. Warten wir also …

Eines heißen Sommertages bekam mein Schwiegervater Bernhard — ein alter Zionist, der erst kurz zuvor nach Israel gekommen war — einen Empfehlungsbrief an die Wohnbaugenossenschaft »Amidar« mit dem Ersuchen, ihm eine Wohnung zuzuweisen und ihm womöglich keinen höheren Preis zu berechnen als den üblichen. Auf Wunsch meines Schwiegervaters ging ich selbst in das Zentralbüro der »Amidar«, um die Sache rasch zu erledigen. Man wies mich zum Zimmer Nr. 314, wo sich ein Herr namens Cheschwan meiner annehmen würde.

Zimmer Nr. 314 war leer. Im Nebenzimmer erfuhr ich, daß Herr Cheschwan eine mit Herrn Stern hätte. aber jeden Moment zurückkommen müsste. Ich wurde freundlich aufgefordert, solange Platz zu nehmen. Ich nahm Platz. lch saß eine Weile. Ich ging eine Weile auf und ab. Ich nahm abermals Platz. Dann öffnete sich die Tür. Ein Mann steckte den Kopf herein und fragte: »Wo ist Cheschwan?« »Er ist in einer Besprechung mit Stern«, sagte ich. »Nehmen Sie Platz.« Der Mann schien in Eile zu sein, denn er verschwand wortlos.

Einige Minuten später erschien ein anderer Mann, offensichtlich ein Beamter, und sah sich nervös im Zimmer »Seien Sie nicht nervös«, beruhigte ich ihn. »Cheschwan ist in einer Besprechung mit Stern, aber er muß jeden Augenblick zurückkommen. Nehmen Sie Platz.« »Keine Zeit. Wenn Cheschwan zurückkommt, bestellen Sie ihm bitte, daß Mayer ihn zu einer dringenden Besprechung erwartet. Er soll sofort kommen.« »In Ordnung«, sagte ich.

Eine knappe Viertelstunde war vergangen, als wieder ein Beamter hereinkam und fragte: »Wo ist Kirschner?« »Er war gerade hier«, antwortete ich. »Wenn Cheschwan von Stern zurückkommt, schicke ich ihn sofort hinüber. Nehmen Sie Platz.« »Danke. Wissen Sie zufällig, ob er schon etwas wegen des Wohnbauprojektes Ramat Aron unternommen hat?« »Das ist Sehr wahrscheinlich«, sagte ich. »Dann nehme ich die Mappe gleich mit. Wenn er nach Feinturch fragt, sagen Sie ihm, daß ich eine Besprechung mit Mayer habe.«

Einige Sekunden später stand Kirschner atemlos vor mir: »Wo ist die Mappe Ramat Aron? Der Alte wird tobsüchtig, wenn sie sich nicht sofort findet!« »Um Himmelswillen!« rief ich. »Vor einer Minute hat Feintuch die Mappe zum Alten mitgenommen!« »Und wo ist Cheschwan?« »Er konferiert noch immer mit Stern. Ich warte hier auf ihn.« »Gut«, meinte Kirschner. »Wenn das so ist, dann geben Sie doch bitte den Goldberg-Plan in die Givath-Seren-Mappe! « »Mit Vergnügen«, sagte ich, übernahm die Papiere, suchte in den Regalen die Mappe Givath-Seren heraus und gab den Goldberg-Plan hinein.

Kaum war das erledigt, als Feintuch ins Zimmer stürzte: »Was machen denn Sie hier?!« stieß ich unbeherrscht hervor, denn jetzt verlor ich langsam die Geduld. »Warum sind Sie noch nicht in der Besprechung? Wo doch der Alte ohnehin so schlecht gelaunt ist! Haben Sie gerne Krach?« »Ich bin ja schon unterwegs. Ich wollte mir nur den Goldberg-Plan abholen.« »Wozu brauchen Sie gerade jetzt den Goldberg-Plan, Feintuch? Ich habe ihn eben erst in die Givath-Seren-Mappe gegeben. Soll ich ihn vielleicht wieder hervorkramen? Das ist doch unglaublich! Alle nützen mich aus. Und ich Idiot lasse mich von allen ausnützen.« Feintuch war sichtlich verwirrt. »Ich wollte den Goldberg-Plan ia nur für Mayer haben«, stotterte er entschuldigend. »Was halten Sie übrigens von dem Plan?« »Nicht schlecht. Aber ich wüßte gern, Was der Alte dazu sagt.« Feintuch nahm den Plan an sich, um ihn an Mayer zu geben. Bevor er ging, sagte er mir noch, daß der Alte es sehr gerne sähe, wenn ich die Liste der präsumtiven Mieter des Wohnbauprojektes Shekem und für Stern einen Bericht darüber schriebe. Ich machte mich sofort an die Arbeit. Während ich die Liste noch überprüfte, erschien Feintuch: ich möchte sofort zu Mayer kommen, »Als ob ich vier paar Hände hätte, wie?« bemerkte ich mit wohlbegründetem Tadel, raffte die Akten zusammen und ging zum Alten.

Mayer wollte meine Meinung über die architektonischen Qualitäten des Projektes Ramat Aron hören. Ich erklärte ihm offen, da« die Häuser zu nahe beieinander stünden und die Fenster zu klein wären. Kirschner begann zu stammeln. »Immer dasselbe«, sagte er. »Um so schlimmer«, gab ich scharf zurück. Und das sei nur ein weiterer Beweis dafür, daß es so nicht weitergehen könne.« Der Alte gab mir hundertprozentig recht, versetzte Kirschner in eine andere Abteilung (der wird mich jetzt mit seinem Haß verfolgen, dachte ich) und erteilte mir den Auftrag, das Ramat-Aron-Projekt zu übernehmen. Ich schickte sofort nach Feintuch und verlangte einen genauen Bericht innerhalb vierundzwanzig Stunden.

Dann bestellte ich einen Wagen, fuhr nach Ramat Aron hinaus, hatte ein ausführliches Gespräch mit dem Architekten, prüfte die Pläne, nahm ein paar kleinere Verbesserungen vor und entließ einen aufmuckenden Ingenieur ohne Abfertigungsgelder. Dann fuhr ich in mein Büro zurück.

Dort erwartete man mich bereits in großer Erregung. Kirschner, der mir meinen meteorhaften Aufstieg neidete, hatte hinterrücks eine Flüsterkampagne gegen mich begonnen. Er wurde leichenblaß, als Feintuch auf mich zukam und mir mitteilte, daß Stern persönlich mich zu einer dringenden Besprechung erwarte. Ich erstattete Stern einen detaillierten, vertraulichen Bericht über den derzeitigen Stand des Projektes und sparte nicht mit kritischen Bemerkungen über das langsame Arbeitstempo. »Aber Sie müssen einsehen, Stern«, sagte ich abschließend, »daß ich ohne die entsprechende Autorität keine Verantwortung übernehmen kann.«

Stern sah das ein, berief sofort eine außerordentliche Sitzung des Exekutivkomitees und gab den Mitgliedern seines Stabes bekannt, daß er mich zu seinem Vertreter ernannt hatte. Mayer versuchte eine paar schäbige Andeutungen über meine relativ kurze Dienstzeit anzubringen, aber Stern war an diese Intrigen gegen mich bereits gewohnt, drückte mir zum Abschied demonstrativ die Hand und sprach mir, für alle hörbar, sein Vertrauen aus. Als ich in mein Büro kam, um noch rasch einmal die Akten Givath Seren vorzunehmen, begegnete ich einem neuen Mann. Mayer stellte ihn mir vor. Es war Herr Cheschwan, den ich sofort mit einer wichtigen Aufgabe in der Registratur betraute. »Ich bin gewiß kein Unhold«, sagte ich ihm, »aber ich verlange pünktliche und gewissenhafte Arbeit. Ganz besonderen Wert lege darauf, daß mein Stab während der Bürostunden, also während das Publikum Zutritt zu den Amtsräumen hat, an keinen Besprechungen teilnimmt. Es könnten sonst die merkwürdigsten Situationen entstehen.« Nachdem ich meinem Schwiegervater einen kompletten Wohnblock in Ramat Gan zugewiesen und einen kleinen Vorschluß auf mein Gehalt behoben hatte, machte ich Feierabend.

Seit diesem Tage arbeite ich im Zentralbüro der »Amidar«. Sprechstunden täglich von 11 bis 1, Zimmer 314. Wenn Sie mich in meinem Zimmer nicht vorfinden, dann bin ich gerade in einer Besprechung.

Nehmen Sie Platz.